Volkstrauertag ist nicht gleich Volkstrauertag

Ich könnte echt kotzen, wenn ich mir den Wirbel um Enkes Tod bzw. seine Bestattung ansehe. Meine Güte, er war ein Sportler, der Selbstmord begangen hat. Es scheint - abgesehen von der ebenso lästigen Panikmache um die Schweinegrippe - kein anderes Thema mehr zu geben.

Und eine Fernsehübertragung? Hallo? Mir fehlt bis heute das Verständnis dafür, dass man sowas im Fernsehen überträgt, und dabei ist mir egal, ob es Lady Di, Jacko oder Enke ist. Heute morgen rief man auf Radio Hamburg die Hörer dazu auf, beim Sender anzurufen, um ihre Eindrücke von den “bewegendsten Momenten” der Trauerfeier zu teilen. Geht’s noch? 
Mir geht die Hutschnur hoch, wenn um einen einzelnen Tod, der noch dazu vom Verstorbenen gezielt herbeigeführt wurde, so viel Aufhebens gemacht wird. Was ist bitte mit dem Zugführer, der ohne eigenes Zutun zum Mordwerkzeug wurde und wegen dieses Selbstmörders jetzt mit einem Trauma zu kämpfen hat? Was ist mit all den Toten, die einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sind? Und was, wo es ja nebenbei auch noch Volkstrauertag war, ist mit den Soldaten, die für anderer Leute Freiheiten gefallen sind? Was mit all den “Kollateralschäden” auf dieser Welt? Wie groß - um noch mal an das Projekt zu erinnern, über das ich neulich schrieb - ist der Aufschrei beim Tod eines Palästinenser-Kindes?

Natürlich tun mir diejenigen leid, die mit Enke wirklich einen Freund/Partner/Vater/Kollegen verloren haben. Wer einen nahestehenden Menschen verliert, soll sich gern so viel Trauerzeit nehmen, wie er benötigt. Und unabhängig von meiner persönlichen, sehr klaren Meinung über Selbstmörder sollen sie ihn auch gern idealisieren, so viel sie mögen. Jedem seins - wenn er denn wirklich betroffen ist.

Aber der Rest der Nation könnte sich mal wieder einkriegen. Klar war er ein guter Torwart, aber es gibt wirklich wichtigere Jobs auf der Welt. Und klar ist es dramatisch, dass die Hilfssysteme für psychisch Kranke nicht gut genug sind, aber darunter leiden auch unzählige andere Menschen, die sich deshalb trotzdem nicht umbringen und - was noch wichtiger ist - nach denen trotzdem kein Hahn kräht. Letztlich war dieser Fall für alle Außenstehenden doch nur ein weiterer Selbstmord, bei dem der Selbstmörder wie üblich all die Schäden ignoriert hat, die er mit dieser Tat anrichtet.

3 Responses to “Volkstrauertag ist nicht gleich Volkstrauertag”

  1. Loco Says:

    Ich glaube, niemand begeht aus Spaß Suizid. Dahinter steht immer eine Notsituation, die der betroffenen Person so unerträglich ist, daß sie keinen anderen Ausweg mehr sehen kann. Manche rufen vorher noch um Hilfe; so Anrufe habe ich auch schon gehabt - und war Gott sei Dank zuhause und habe das Telefon gehört! Andere wagen das nicht, aus ANgst vor Zurückweisung oder was auch immer…
    und da urteile ich nicht.
    Dessen ungeachtet habe ich tiefes Mitgefühl mit dem Lokführer (der Zugführer ist für alles verantwortlich, was hinten dranhängt… das ist der Mann mit der roten Mütze), und mit seinen vielen Kollegen, die sich quasi täglich mit einem “Menschen im Gleis” wiederfinden.

    Was die Fernstenliebe angeht, so ist mir Enke (dessen Namen ich letzte Woche nicht mal kannte) prinzipiell genauso fern wie das Palästinenserkind oder auch das israelische Kind, das vom palästinensischen Dauerfeuer auf seine Schule getötet wird… und wundere ich mich, wie viele Menschen viel mehr Mitgefühl oder was sie dafür halten, für Fremde aufbringen, aber gleichzeitig furchtbar hart und kalt mit ihren nächsten Mitmenschen sind.

  2. Pico Says:

    Als Fußballfan bekunde ich Mitgefühl für die Angehörigen und auch für die ansonsten wenig geliebten hannoverschen Fankollegen. Das war es dann auch. Wirkliche Trauer ist da nicht; der Verstorbene war mir nicht persönlich bekannt und wird, so pietätlos das klingen mag, fußball-technisch schnell ersetzt werden. Wenn die Berichterstattung noch länger so geht, reicht das Thema von der Nerv-Intensität bald an Eisbärenbaby Knut ran.

    Für viele scheint dieses Ereignis mal wieder eine wohlfeile Gelegenheit zu sein, ohne größere Mühe auf der “guten” Seite zu stehen. Sollen sie meinetwegen den Vorplatz vom Michel vormittags gegen Kinderschänder sichern, wenn der jetzige Rummel vorbei ist. Da kann man auch nichts falsch machen.

    Schweinegrippe ist mir btw. auch wurscht, ich kenne nicht mal die normale (… weil ich mich nie dagegen habe impfen lassen?). Wenn wenigstens mein Laden für´n paar Tage dicht wäre …

  3. Will Says:

    Alles falsches Pack. Fernsehen und “Medien” sorgen dafür, dass die Menschen das Leben von Anderen leben: Sei es Big Brother, Soap oder Reality-TV. Tod war da bisher immer so schön aussen vor. Betroffenheit im Leben anderer. Das Höchstmaß der voyeuristischen Perversion.

    Besonders die Faaaaaaans! DIe ja soooo betroffen sind! Im Stadion, beim letzten Spiel, hätten sie jeden ausgebuht und hochgenommen, als “Weichei”, der es gewagt hätte zu gestehen, er habe Depressionen oder bräuchte Therapie.

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