So long, Teacher Man
Lange hat mich keine Nachricht über einen einzelnen, mir völlig fremden Menschen so getroffen, dass ich mit offenem Mund vor dem Bildschirm saß - aber gestern war es so weit: “Frank McCourt ist tot,” hieß es da, 78 Jahre alt wurde er, es war Krebs. Mir ist klar, dass 78 ein Sterbealter ist, das gemeinhin keinen großen Aufschrei nach sich zieht, und doch saß ich mit offenem Mund und vor Entsetzen geweiteten Augen da und starrte auf sein Bild. Frank McCourt tot - binnen weniger Jahre sind damit zwei der für mich wichtigsten Schriftsteller überhaupt gestorben.
Ich habe wenig Verständnis dafür, wenn erwachsene Menschen über den Tod eines Promis in Hysterie verfallen, wie jüngst beim Tod von Michael Jackson tausendfach geschehen. Der einzige Star, wegen dessen Tod ich geheult habe, war Freddie Mercury, und da ich damals erst 13 Jahre alt war, finde ich das auch durchaus vertretbar. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich grundsätzlich nicht nachvollziehen kann, wie man um einen fremden Menschen trauern kann - zwischen Trauer und Hysterie liegen immerhin Welten.
Angela’s Ashes habe ich das erste Mal 1998 gelesen, mein verhasster neuer Englischlehrer hat mir das Buch für eine Buchvorstellung zugewiesen und damit ausnahmsweise mal etwas Gutes getan. Anfangs widerstrebte es mir, dieses Buch zu lesen - einfach deshalb, weil Herr Vagt der Meinung war, es sei ein gutes Buch. Aber binnen kürzester Zeit war ich gefesselt von dem, was Frank McCourt erzählte, war fasziniert, weil man ihn förmlich reden hört, wenn man seine Bücher liest - man fühlt sich wie in Opas Wohnzimmer, wo er vorm Kamin seine Lebensgeschichte erzählt.
Und nun kommt nichts mehr.
Natürlich sitze ich nicht heulend vor meinem Bücherregal und beklage die grausame Welt da draußen - es ist und bleibt nun mal ein Fremder, der da gestorben ist. Aber dennoch trifft mich diese Nachricht. Nicht so, wie all die anderen grausamen Nachrichten, die man so hört, die einen schockieren oder ängstigen. Ich bin traurig.
Genau wie vor acht Jahren bei Douglas Adams Tod mag ich einfach nicht wahrhaben, dass es das nun war. Bei Adams wurde ja noch ein Buch posthum veröffentlicht, aber daran merkte man auch deutlich, dass es noch lange nicht fertig war. Mal sehen, ob sowas auch bei McCourt geschieht. Und natürlich weiß ich, dass ich es auch kaufen werde, wenn es kommt - obwohl damit zu rechnen ist, das es dann enttäuscht.
Die Zeit urteilt nach kurzer Auflistung seiner drei Autobiographien übrigens: “An ihnen wird deutlich, dass McCourt ein begabter Autor war – aber eben doch nicht einer der großen Literaten der letzten Jahrzehnte.” Das mag die Zeit so sehen, oder auch nur Herr Luyken, der Autor dieses Nachrufs, der McCourt scheinbar nicht gerade wohlgesonnen ist, aber ich persönlich finde es reichlich anmaßend, so ein Urteil zu treffen.
Begabt, aber kein großer Literat. Wenn ich sowas lese, packt mich das nackte Grauen. In einem Arbeitszeugnis hieße das wohl: “war stets bemüht”. Diese Arroganz geht mir auch im Studium immer auf den Keks - und deshalb will ich mein Examen ja unbedingt in einem weniger “anerkannten” Gebiet schreiben.
Juli 22nd, 2009 at 09:47
Kritiker sind wie Eunuchen: sie wissen bestens, wie es geht - aber sie können es nicht.
(Nicht auf meinem Mist gewachsen… aber ich weiß nicht mehr, wer das von sich gegeben hat.)
Juli 24th, 2009 at 09:01
Volker Pispers. Allerdings redete er von Unternehmensberatern.
Wobei es auch hier passt. Mein Lieblingsbeispiel dafür, wie zutreffend dieser Satz ist, ist ein kleiner Dauernörgel-Gnom, der als größter Kritiker seiner Branche galt, die gesamte Fernsehnation als degeneriert bezeichnete (womit er ausnahmsweise mal recht hatte) und dafür seine eigene Sendung bekam.
Juli 24th, 2009 at 15:21
Möglich. Mir war allerdings so, als hätte sich ein Fußballträner [sic] in dieser Art über die Kommentatorenriege geäußert. Die wissen ja auch immer, wie es richtig wäre…
DER Kritiker hat allerdings sogar seinen eigenen Tod überlebt, wenn ich mich richtig erinnere… (und nach Lektüre von 20 Seiten von “Tod eines Kritikers” muß ich sagen: die Kritik an Walser könnte berechtigt sein!)